Ist das Kunst?

Beethovens Sinfonien sind Kunst.

Gilt das auch für den Gangnam Style?

Oder ist das dann doch „bloß Unterhaltung“?

Der Punkt ist: Jede Trennung zwischen Unterhaltung und Kunst ist vollkommen willkürlich. Welche „Schaffenshöhe“ muss denn genau erreicht werden, um den „Sprung“ zu schaffen? Und überhaupt –  wird die eigentlich in Metern gemessen?

Candy Crush ist genauso Kunst wie Half-Life. The Room ist genauso Kunst wie Inception. Ja, auch Bushido macht – wenn er sie nicht gerade klaut – Kunst, genau wie Mozart es tat. Das Kunstsein an sich ist kein Qualitätskriterium. Kunst ist Unterhaltung.

Ebenso fragwürdig ist die Feststellung, dass Unterhaltung keinen „Mehrwert“ biete. Es sei eben alles „nur so zum Spaß“. Hin und wieder wird darin gerne mal der Unterschied zur zu Höherem berufenen Kunst gefunden. Andernorts heißt es, gerade die Kunst müsse für sich alleine stehen und dürfe keinen banalen Zweck und kein konkretes Bedürfnis erfüllen. Das ist natürlich alles Unsinn. So einen zwecklosen Kram würde sich ja niemand freiwillig antun. Den Mehrwert – oder zumindest dessen Anschein – trägt also jedes Kunst- beziehungsweise Unterhaltungswerk zwangsläufig in sich.

Ein Vorschlag: Kunst ist jedes kreative Werk mit dem Zweck der unmittelbaren psychologischen Stimulation. Letztere Bedarf eventuell einer Erläuterung, meint letztlich aber auch nichts völlig anderes als der typische Kunstkonsument mit „Spaß“ oder „Freude“.

Aber: Was ist eigentlich dieser „Spaß“, den der Mensch in Fiktion, Interaktion, Musik, Information und Bild findet? Warum meint unser Gehirn, dass uns täglicher medialer Konsum etwas bringen könnte und teilt es uns in Form von belohnenden Gefühlen mit? Was motiviert uns?

Damit ist nicht „Fernsehen zum Relaxen“, „Daddeln zum Abschalten“ oder „Musik im Hintergrund“ gemeint. Kunstkonsum zur Entspannung existiert zwar genauso wie für den schnellen Adrenalinkick zwischendurch oder zur kurzfristigen Befriedigung trivialer Bedürfnisse. Allerdings kann bei all diesen Verwendungen kaum von Kunst als konkretem Motivator gesprochen werden. Offenbar steckt dann doch noch mehr Potenzial dahinter. Schließlich bleibt die Frage: Warum interessiert uns das Zeug auch – und mitunter gerade – dann so sehr, wenn wir schon entspannt sind und es uns gut geht?

Eine abgehoben und abstrakt wirkende, jedoch bei genauerer Betrachtung erstaunlich viel Sinn ergebende, mögliche Antwort: Selbstverwirklichung. Das Streben nach mentaler Stärke, Meisterschaft und stetiger persönlicher Weiterentwicklung. Ein gutes Kunstwerk ermöglicht dies ohne große Umschweife und Hindernisse.

Moment. Wo, wie und warum ist der Übergang?

Dazu eine kleine Meinungsschrift im PDF-Format.

In diesem Sinne: Viel Spaß?


Nachtrag (04.06.2014)relevante Folgeartikel:

2 Antworten zu Ist das Kunst?

  1. hundephilosoph sagt:

    Ich glaube, das muss weiter ausgeführt werden. Ist Kunst wirklich immer Unterhaltung? Ich glaube, dass der Unterhaltungsfaktor automatisch dazukommt, weil etwas als Kunst wahrgenommen wird. Zur Unterhaltung wird die Kunst also erst, wenn sie wohlwollend als Kunst anerkannt wurde. Welches ist nun das fehlende Glied zwischen Kunst und Unterhaltung? Nicht wenige sagen: Es ist die Ästhetik. Wenn uns etwas anspricht, häufig unbewusst, dann, weil es bestimmte „Verbindungen“ in unserem Gehirn zum klingen bringt, die im Laufe unserer Entwicklung gebildet wurden. Das nennt man dann ästhetisch – oder einfach nur schön. Und wenn wir etwas schön finden, dann nennen wir es Kunst, um es von all dem abzuheben, was wir nicht ganz so schön, oder sogar hässlich finden. „Kunst“ ist so ein grässlicher Terminus Technicus, der gar nicht definiert werden kann, weil alles, was schön ist, Kunst ist, und alles, was schön ist, nur subjektiv empfunden kann. Wobei Schönheit auch nach gewissen Maßgaben des freudschen Lustprinzips funktioniert – die psychologische Stimulation. So wird nicht einmal der stumpfste und stolzeste Kulturbanause bei der Statue einer nackten Frau oder eines nackten Mannes sagen, das sei keine Kunst. Das liegt ganz einfach am optischen Reiz der Nacktheit, auf den wir evolutionär bedingt nicht anders können, als empfindsam zu reagieren. Genau deswegen erkennen wir den Unterschied zwischen Gerade und Ungerade, symmetrisch und unsymmetrisch und verbinden diese einfachen geometrischen Vorstellungen mit ethischen Werten wie schön und hässlich. Das findet sich seit Anbeginn der Menschheit in Abbildungen und Werken, in Höhlenmalereien ebenso wie in der Architektur, Weberei oder Tonkunst. Kunst ist also vielleicht gar nicht so subjektiv, wie man anfangs annehmen könnte.

    Aber von hier an ist es nur ein ganz kleiner Schritt zur Unterhaltung. Denn was als schön empfunden wird, unterhält uns natürlich auch.
    Was uns dagegen nicht unterhält, kann auch niemals wirklich schön sein, ergo Kunst sein, selbst wenn uns die Ratio und vor allem die Schwarmintelligenz etwas anderes weis machen will. Und überhaupt: Empfinden wir denn etwas als Kunst, weil es unterhaltsam ist, oder werden wir unterhalten, weil wir etwas als Kunst empfinden?
    Es ist natürlich ersteres. Da es nur uneindeutige Kriterien für Kunst gibt, kann Kunst auch nicht von vornherein als solche erkannt und dementsprechend genossen werden. Ob etwas Kunst ist oder nicht, kann erst entschieden werden, nachdem wir uns von ihm eben haben unterhalten lassen, oder nicht. Des Verständnisses halber würde ich den Satz also umdrehen: [i]Unterhaltsames[/i] (nicht [i]Unterhaltung[/i], denn dann müsste zuerst definiert und hinterfragt werden, was Unterhaltung ist) [i]ist[/i] Kunst.
    Ansonsten entsteht der Trugschluss, man könne Kunst entdecken (bzw. übersehen) und würde deswegen von ihr unterhalten werden, weil es Kunst ist. Es kann nur so sein, dass wir etwas, das uns auf welche Weise auch immer unterhält, im Nachhinein mit dem Gütesiegel „Kunst“ etikettieren, um nicht nur unserem Lusttrieb sondern ebenso unserem Machttrieb entsprochen zu haben.
    Denn wer nur laut und bestimmt genug sagt, was Kunst sei und was nicht, der bekommt irgendwann das Recht zugesprochen, soetwas mit Recht sagen zu können.^^

    Deine PDF-Schrift hat mich ins Grübeln gebracht. Der Pfad zur Selbstverwirklichung ist im Prinzip die Maslowsche Bedürfnispyramide, wenn ich das richtig deute. Deren Gehalt ist quasi universell, die muss man nicht mal kennen, um sie aufstellen zu können. Man muss sich nur Gedanken darüber machen.
    Die psychologischen Bedürfnisse, bzw. die Selbstbestimmungstheorie entspricht ebenfalls Freuds Aussagen zum Lust- und Machtprinzip des Menschen. Die Triebfeder jeglichen menschlichen Verhaltens entspringt den sexuellen und aggresiven Energien des limbischen Systems. Unser Neocortex blockiert die ungefilterte Abgabe dieser Energien und weist zudem andere Strukturmerkmale als unser Althirn auf, weswegen es zu diesem typisch menschlichen zwiespältigen Verhalten und Empfinden kommt und es eine lebenslange Aufgabe ist, diese Energien in die richtigen Bahnen zu lenken und kontrolliert einzusetzen.

    Ich denke, ich werde noch einige Tage mit deiner Schrift verbringen und mich in die zahlreichen Links einlesen. Danke auf jeden Fall für diese geistreiche Unterhaltung!

  2. hundephilosoph sagt:

    Kleiner Anhang: Selbstverwirklichung ist im Prinzip dieses Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Emotio und Ratio, ergo einer Kontrolle über den Fluss sexueller und aggressiver Energien zwischen dem limbischen System und dem Neocortex.
    Ebenfalls unbewusst, so wie alles, was wir tun, im Grunde genommen unbewusst gesteuert ist.

    Es scheint auf den ersten Blick ebenfalls sehr abstrakt, sexuelle Motivation mit Spielen in Verbindung zu bringen, aber so abwegig ist das gar nicht.
    Ich empfehle dir „Jenseits des Lustprinzips“, und eigentlich alle anderen Schriften von Sigmund Freud.^^

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